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Was ist gesund? Über Sport, Ernährung, Vergleiche und Selbstannahme. Eine kritische Reflexion.

Aktualisiert: Sept 23

Eigentlich wollte ich einen Beitrag schreiben, der die folgende Problematik beleucht, mit der ich in meinem sportlichen, beruflichen und privaten Umfeld immer häufiger konfrontiert werde: Junge Frauen, die eigentlich in der Blüte ihrer Lebenszeit und Gesundheit stehen sollten, haben hormonelle Dysbalancen, häufig aufgrund eines Lebensstil, der vermeintlich gesund klingt, jedoch genau das Gegenteil ist:

Viel Sport, eine unfassbar genaue, gesunde Ernährung (Stichpunkt „clean eating“), der anhaltende Versuch, sich immer weiter selbst zu optimieren, weiterzubilden und dabei feste Routinen in der praktischen Umsetzung dessen einzuhalten, mit der Folge einer halben Katastrophe, sollte diese Einhaltung mal nicht so gelingen, wie geplant.

Hormonelle Dysbalance meint in diesem Fall häufig ein unregelmäßiger oder gar ausbleibender Zyklus, teilweise obwohl die Pille eingenommen wird, welche zumindest einen künstlichen Zyklus verursacht.


Wenn das Sporttreiben intensiv und die Ernährung wirklich sehr gesund ist oder einer bestimmten Diät wie low-carb, intermittierten Fasten, low-fat etc. folgt, kann aus dem gesunden Lebensstil ein ungesunder werden, ohne es bewusst zu bemerken.

Sport macht schließlich auch Spaß und schlank sein sieht toll aus, wird in der Gesellschaft überwiegend als positiv aufgefasst, wird dazu mit Komplimenten gekrönt und als Indiz für Attraktivität, „Ich-habe-mein-Leben-im-Griff“ und Schönheit gewertet.


Jede Bewegung, jeder Schritt und Tritt unseres Lebens aber auch einfach nur „Da-Sein“ kostet Energie. Unsere Körper brauchen Energie um auf eine gesunde Art und Weise zu funktionieren und die Organe, Muskeln sowie Zellen des Körpers jede Sekunde ausreichend zu versorgen. Energie nehmen wir über die im Essen enthaltenen Nähstoffe zu uns. Fette, Proteine, Kohlenhydrate, Vitamine… Essen wir hingegen restriktiv, unregelmäßig, mit viel zu langen Pausen zwischen den Mahlzeiten oder sehr einseitig, nehmen wir möglicherweise anhaltend zu wenig Kalorien auf, um unseren Körper ausreichend mit Energie zu versorgen! Treiben wir dazu noch intensiv Sport, kostet das den Körper dann wiederum enorm viel Energie und wir befinden uns möglicherweise in einem extremen Kaloriendefizit.

Clever wie unser Körper ist, schnappt er sich die notwendige Energie, um die lebenswichtigen Körperfunktionen zu erhalten, aus den Kalorien, die er bekommen kann und aus den vorhandenen Fettreserven. Befinden wir uns aufgrund unseres vielen Sporttreibens und dem „clean eating“ nun aber dauerhaft in einem Kaloriendefizit, gepaart mit einem geringen Körperfettanteil kann dies langfristig gesundheitliche Schäden verursachen, angefangen mit einem ausbleibenden Zyklus. Wie ein Automotor Öl braucht, um zu langfristig zu funktionieren, braucht vor allem der weibliche Körper ausreichend Energie (Energie = Kalorien), jeden Tag.


Bekommt er diese nicht, können mittelfristig die Haut trocken und fahl, die Haare dünn, brüchig und matt werden oder die Nägel schneller brechen. Ist das nicht schade?! Dazu ist uns schnell kalt, wir sind müde, haben einen niedrigen Ruhepuls, schwitzen kaum und haben einen unregelmäßigen Zyklus oder gar keine Periode mehr*. Kurz: der Körper braucht seine Energie anderweitig, nämlich um den Körper in seinen Grundfunktionen am Leben zu erhalten! Da können Wärme, die Fähigkeit sich fortzupflanzen oder schöne Haare und Haut schon mal zu kurz kommen. Dazu kommt langfristig ein erhöhtes Risiko, an Osteoporose, Demenz oder Herz-Kreislauf-Beschwerden zu erkranken. Das Immunsystem ist eh schon geschwächt und wir werden anfälliger für Krankheiten. Ist das gesund?


Zusammengefasst: Viel Sport und zu wenig Kalorien, die über die tägliche Nahrung aufgenommen werden, sind Stress pur für den weiblichen Körper und entsprechen keinem gesunden Lebensstil!

Während ich über diese Thematik recherchierte und im Austausch mit vielen Frauen in meinem beruflichen und privaten Umfeld stand ist mir eines aufgefallen. Es ist nicht richtig, Sport und gesunde Ernährung salopp zu „verteufeln“, selbst wenn sie außerhalb jeglicher gesunden Balance verfolgt werden. Es ist nämlich nicht der Sport, der per se krank macht. Sondern der Kopf. Unsere Gedanken. Die Art und Weise, wie wir die Flut an Bildern, Informationen oder gesellschaftlichen Ideale bewusst und unterbewusst verarbeiten, für uns interpretieren und was sie umgekehrt in uns auslösen und sich folglich in Handlungen wiederspiegeln.



In meinem Umfeld befinden sich größtenteils Frauen. Sportliche, schlanke, schöne, ehrgeizige, erfolgreiche, gebildete Frauen. WOW! Da kann einem schon mal ganz schwindelig werden. Sie treiben viel Sport, durchschnittlich 6x die Woche, ernähren sich vorbildlich gesund, haben vielleicht sogar ein Sixpack und geben uns mit ihrem gesunden Lebensstil unbewusst ein gar nicht mal so tolles Gefühl, vor allem, wenn wir das ganze via Social Media unter die Nase gehalten bekommen und - Achtung - uns vielleicht versehentlich vergleichen. Dabei möchte ich mich selbst nicht rausnehmen.


Auch die Medien propagieren den „healthy lifestyle“ oder das „clean eating“ seit ein paar Jahren. Um einen Schokoriegel essen zu „dürfen“, muss man anschließend x Stunden joggen, eine gesunde Alternative zum herkömmlichen Kuchen gibt es dank zahlreicher healthy Bananabread Rezepte schneller als man klicken kann und mit welchen Workouts der Po rund und der Bauch flach wird (Wer hat eigentlich bestimmt, dass das schön und erstrebenswert ist und ein runder Bauch und ein flacher Po nicht?) gibts kostenlos auf Youtube. Das ist echt cool! Wirklich! Bananabread ist schließlich auch lecker, Zucker ungesund und ein so schneller und kostenloser Zugang zu Trainingstipps echt praktisch. Das Ganze kann aber auch ganz schön viel Druck mit sich bringen, wenn man vielleicht gar nicht joggen möchte, nachdem man Schokolade genossen hat oder das geplante Workout mal nicht geschafft hat.


Der ganze Vergleich und Druck, vielleicht nicht dem gesellschaftlichen Idealbild unserer Generation zu entsprechen, der Anspruch an sich selbst, beruflich erfolgreich zu sein, anerkannt, sportlich und mit vielen Freunden lässt einen ständigen Mangel entstehen. Das Gefühl, nicht gut, schlank, sportlich, schön, ökologisch, fleißig oder beliebt genug zu sein.


Wer nicht vergleicht, vermisst auch nichts. Den Blick weg von den anderen und wieder mehr nach innen richten und sich fragen, was tut MIR gerade gut und nicht, was machen DIE ANDEREN, sollte wieder mehr Entscheidungsgrundlage werden. Die eigenen Bedürfnisse erkennen, notieren, was wirklich Spaß bereitet und wieso ich was eigentlich mache, sind tolle Ansätze, den Weg zu seinen eigenen, wirklichen Bedürfnissen wieder zu finden und damit zu mehr Balance. Entspannen, Schokolade essen, Wein trinken und nicht am nächsten Morgen als „Ausgleich“ joggen oder radeln zu gehen, sondern dann, wenn es in den Beinen wirklich kribbelt und die Energie raus möchte!

Und ist sie nicht da? Ab aufs Sofa! :-)



Der ständige Vergleich miteinander, ob bewusst oder unbewusst, unser gesellschaftliches Verständnis von Schönheit sowie das Streben nach einem sehr gesunden Lebensstil können demnach neben dem eh schon fordernden Beruf und täglichen Alltag enorm stressig sein und krank machen.

Unsere Einstellung gegenüber all dieser externen Einflüsse, die täglich auf uns herunterprasseln, können wir justieren, der Informationsflut hingegen ist man fast unumgänglich ausgesetzt. Denkmuster, die einen Mangel auslösen können z.B. durch ein einfaches Anerkennen ersetzt werden. Anstelle eines "Oh, meine Nachbarin war heute morgen schon wieder 10 km joggen, ich bin faul/unsportlich/... und tue es ihr alsbald gleich" könnte ein anerkennendes "Wow, was für eine tolle Leistung" treten, ohne dass sich ein ungutes Gefühl, sondern ein anerkennendes Lob einstellt. Die Erkenntnis, dass die Handlungen, die Leistungen, die Erfolge der anderen uns nichts wegnehmen, unsere eigene Situation zu 0 % tangieren und wir nicht "sie" sind, helfen ebenfalls. Meine Bedürfnisse sind nicht deine Bedürfnisse, mein Körper nicht dein Körper.

Beobachte, was bestimmte Situationen in dir auslösen, sei ehrlich zu dir selbst (super schwer!) und gleiche ab, inwiefern der Impuls, der durch externe Stimuli in dir ausgelöst wird, mit den eigenen Bedürfnissen übereinstimmt.

Wie wir mit solchen Situationen, mit dem ständigen Vergleichen, dem Verhalten unserer sozialen Umwelt, der gesellschaftlichen Idealbilder, den Sport/Essensgewohnheiten etc. anderer, dem Aussehen der Anderen und und und umgehen, liegt nur bei uns.

Festzuhalten bleibt: Gesundheit ist unser höchstes Gut! Schütze sie und sei gut und liebevoll zu dir, denn du bist wunderbar, genau wie du bist.

Ich möchte mir hiermit nicht rausnehmen, über gesundes oder ungesundes Essverhalten oder Sportreiben zu urteilen, schließlich sind wir alle verschieden. Sätze wie „Ich habe heute noch nichts gegessen“ (14 Uhr), „Ich muss morgen früh unbedingt laufen gehen, nach dem Eis heute Abend“, „Ich esse 16 Stunden am Stück nichts“, „ich bin noch gar nicht 10000 Schritte gegangen“, „für mich bitte kein Reis“ können echt ungesund sein, wenn man sich bei mindestens einer der oben genannten körperlichen Folgen* angesprochen fühlt und es nicht wirklich plausibilisieren kann, da man vielleicht wirklich das ein oder andere Kilo zu viel hat ;-).

#LOVE



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